Zum Inhalt springen

Herzlich willkommen auf den Seiten der Pfarrei Heilige Edith Stein

mit der bergpredigt?

Sonnenuntergang, davor ein Hügel mit Menschen

Die Versuchung ist groß, die Lesungen dieses Sonntags ein bisschen einseitig politisch zu hören – mir ist das so ergangen: Ich freue mich, wie deutlich der übermächtige Gernegroß im Weißen Haus in Washington da angegangen wird –nur in Worten, natürlich. Aber wer die hören mag statt wegzuhören, weiß auch, an wen diese Worte adressiert sind. An alle, an uns, an dich und mich, natürlich. Auch wenn wir nur kleine Lichter sein mögen mit überschaubarem Gewicht und Einfluss auf den Weltenlauf. Klar, was in Bibel und Evangelium aufgeschrieben ist, gilt für jede und jeden. Punkt.

Aber damit gilt es eben auch für einen, über den seit längerem alle ständig reden; und der anscheinend immer nur großartig denken und reden kann über America und vor allem über sich selbst. Dem ist gesagt, was schon Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat, vor fast zweitausend Jahren so richtig wie heute noch oder heute wieder: „Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn“! und kurz zuvor: „Seht auf eure Berufung, Schwestern und Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das zu vernichten, was etwas ist, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“

Kein Mensch. Niemand, der für sich in Anspruch nehmen dürfte, von Gott berufen zu sein, nur weil ein Attentäter ihm beinah das Ohr abgeschossen hat. Das Törichte hat Gott erwählt – nun ja, wörtlich gelesen stimmt das ja auch schon fast wieder mit Blick auf Washington. Der Törichte hält sich für außerordentlich erwählt…

Aber alles andere steht im Widerspruch zu dem, was gerade in USAmerica abgeht: die Christengemeinde, an die Paulus schreibt, hat, scheint’s, wenige Intellektuelle, kaum Mächtige oder Vornehme in ihrer Mitte. Eher aus schwachen und erniedrigten Menschen besteht sie wohl, aus Unterprivilegierten und Verachteten. Oder jedenfalls gibt es in dieser frühen Christengemeinde überdurchschnittlich viele Menschen vom sogenannten „gesellschaftlichen Rand“. Denen müsste ein Politiker sich zuwenden und verbunden fühlen – jedenfalls einer, der sich auf die göttliche Vorsehung zu berufen wagt. Und dabei wissen, dass es dieser göttlichen Macht eher darum geht, dass die Maßstäbe der Welt umgedreht werden in ihr Gegenteil: Sogenanntes „Töricht“ macht angeblich „Weises“ zuschanden, „Schwach“ obsiegt über das vermeintliche „Stark“. Was „nichts ist“ vernichtet das angeblich Wichtige, Großartige, Great-again-ige.

Vor dem Paulus-Text bietet das Lektionar ein Stück aus dem Propheten Zefanja an – gleicher Tenor, aber mit etwas mehr positiver Zusage: „Sucht Gerechtigkeit, sucht Demut! Vielleicht bleibt ihr geborgen am Tag des Zorns des Herrn. Und ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk... Sie werden kein Unrecht mehr tun und nicht mehr lügen, in ihrem Mund findet man keine trügerische Rede mehr.“

Wie sollte das klingen, nein: schallern in den Ohren eines „Great President“? Jedenfalls die eine Haltung vermeidet er so gezielt wie geflissentlich: Demut. Die Bereitschaft also, die oder den Anderen höher einzuschätzen als sich selbst und die eigenen Interessen. Für solche Menschen oder gar Menschengruppen oder Nationen gibt es doch nur Spott aus Mar a Lago oder aus der Airforce One oder aus dem vergoldeten Oval Office. Und wie wird man dort den Anspruch hören: Sie werden nicht mehr lügen, kein Ton mehr von trügerischem Gerede. Wie will man dort erkennen, was das ist: „Kein Unrecht mehr tun“, wenn man sogar überzeugt ist: Ich brauche kein Völkerrecht – meine Instanz ist mein Gewissen. (Also gar keine Instanz mehr, haben viele im Stillen gedacht…)

Insgesamt doch eigentlich eine sehr deutliche Anklage oder wenigstens Anfrage an den 47. Präsidenten der früher Vereinigten Staaten von Amerika, die inzwischen so entzweit aussehen. Wo bitte, bleibt dann der Trost, das Positive, die Gute Nachricht in der Frohen Botschaft? Mal abgesehen davon, dass natürlich – wie gesagt – Paulus und Zefanja jeden Menschen meinen, Paulus die ganze Gemeinde damals – und auch dich und mich heute: Kritik und Trost, Anfrage und Verheißung zugleich bietet dann das Evangelium. Ich betone es hier einmal ein wenig deutlicher als es vermutlich im Gottesdienst klingen würde; und ergänze es mit wenigen Stichworten.

Jesus am Anfang der sogenannten Bergpredigt sagt: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich (statt irgendwelcher Goldkram). Selig die Sanftmütigen (die Leisen, die sich zurückhalten können); denn sie werden das Land erben (statt es einfach übernehmen zu wollen). Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen (statt selbst Gott sein zu müssen). Selig, die Frieden stiften (statt Deals zu machen); denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. (im Himmel!!!)“ So stellt Jesus sich das vor mit der Umkehrung der üblichen Werte, mit der Richtigstellung der Welt und der Menschen.

„Mit der Bergpredigt,“ hat mal ein deutscher Kanzler gesagt, „mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“ Kann sein, dass der damals schon einen Punkt hatte. Ob der USPräsident deswegen die Bibel in die Kameras gehalten hat, demonstrativ, aber falsch herum: er stellt die Bibel auf den Kopf…?

Ja, vielleicht geht mit der Bergpredigt keine Politik zu machen. Gegen die Bergpredigt allerdings – das lehrt der Blick in die Nachrichten vor allem aus den USA – gegen die Bergpredigt wird Politik gewaltvoll und inhuman.

Wo bleibt das Positive? Ja, wo bleibt es! Die große Politik müsste es vielleicht neu erfinden – hier vor Ort, in unserer kleinen Welt, haben wir es selbst in der Hand – selig, wer zugreift und es tut.

altfried g. rempe