Was, bitte, ist Barmherzigkeit? Die fordert Jesus – in Gottes Namen. Verlangt, dass seine Kritiker erst einmal oder endlich lernen sollen, was das Prophetenwort bedeutet: „Barmherzigkeit will ich – nicht Opfer“.
Diese paar Sätze aus dem Matthäus-Evangelium zeigen erst mal sehr deutlich, wie unbarmherzig und herablassend „etablierte“ Menschen sein können. Damals wie vermutlich auch heute. Wir hier – die Guten, die Reinen, die Unbeschädigten, die Auf-den-Platz-im-Himmel-Abonnierten – und alle oder doch fast alle anderen da drüben oder gar da unten. Nur einige wenige noch irgendwie dazwischen – mit denen kann das Establishment erst mal zu Gericht gehen. „Wie kann euer Meister nur…“ heißt ja auch: wie könnt ihr nur… Sie hätten den Rabbi Jesus natürlich auch direkt ansprechen können – aber dazu sind sie zu feige; zu ängstlich: sie könnten ja selbst unrein werden, so wie Jesus in ihren Augen schon unrein ist, weil er sich mit „diesem Pack“ da abgibt und sogar zu Tisch geht. Mit so einem reden? Das vermeiden sie lieber – und beweisen damit, wie unbarmherzig sie selbst sind; wie überheblich eine Gesellschaft und eine Religion sein kann, wenn sie den eigenen Wert und den ihrer eigenen Kreise vor allem durch Abgrenzung gewinnt; sie grenzen alles und alle aus und schieben beiseite, die irgendwie anders sind oder anders erscheinen. Sie sind die „bessere“ Gesellschaft – und das ist in Wirklichkeit meist ja eine kleine, eine abgesonderte Gesellschafts-Blase. So eine selbsterklärte und von sich selbst überzeugte Elite macht tatsächlich andere Menschen zu Opfern. Damals – und heute kaum anders, wo ein dahingenuscheltes „Du Opfer!“ in manchen Kreisen ein sehr beliebtes Schimpfwort zu sein scheint.
Da finde ich, geht Jesus schon mal weiter als der Prophet Hosea, den er leicht abgewandelt zitiert. Bei Hosea sagt Gott: „An Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern“. Und stellt damit die Tempel-Liturgie mit ihren vielen toten Tieren in Frage. Viele wiegten sich wohl in Sicherheit, wenn sie aufwändige Opfer bezahlt hatten; wenn dann die Tiere geschlachtet und verbrannt waren – dann ließen sie den lieben Gott einen guten Mann sein. Dies ganze rituelle Getue ist Gott egal – Liebe ist so viel wichtiger als Tier- oder Pflanzen-Opfer. Und zwar eine Liebe zu Gott und zu den Menschen. Hosea hatte aber feststellen müssen: „Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.“
Jesus spricht statt Liebe von Barmherzigkeit – wobei das ja eigentlich nur eine besondere Form eben von liebevoller Zuwendung und Haltung anderen Menschen gegenüber ist; und eigentlich ja Gottes Art, den Menschen Liebe zu erweisen: Barmherzigkeit ist Liebe, die du verschenkst, ganz ohne dafür etwas zurückzuerwarten. Aber wenn er da von Barmherzigkeit spricht, macht Jesus zugleich noch mal klarer, dass es vor allem um die Liebe zu den Menschen geht. Wobei er wohl ausschließen würde, dass das eine herablassende Zuwendung werden sollte; die schwingt ja im deutschen Wort „Barmherzigkeit“ oder „Erbarmen“ immer mal mit. Barmherzige Liebe, wie Jesus sie meint, stellt erst einmal Augenhöhe her. Diese Liebe weiß: die und der Andere, auch wenn sie gesellschaftlich eher „unten“ zu stehen scheinen, diese anderen Menschen sind Gottes geliebte Kinder, von Gott geschaffen und gewollt als Gottes Bild und Gleichnis – und sicher keine Opfer. Dazu würden sie ja auch noch mal gemacht, wenn sich jemand herablässt und von oben nach unten hilft.
Hört auf, Menschen zu Opfern zu machen und euch selbst in Sicherheit zu wiegen! Das fordert Jesus in Gottes Namen. Und indem er sich bei Matthäus, dem Zolleintreiber, zum Essen einlädt, weitet er gleich auch die Bedeutung der geforderten „Barmherzigkeit“ noch mal aus: Wer sich auf so einen Zöllner einlässt, hat es ja mit keinem Armen zu tun, zu dem du dich herablassen könntest. Hier überwindet liebevolles Erbarmen eine Grenze, die noch härter ausgegrenzt hatte: Der Zöllner ist ja in den Augen der Leute ein Kollaborateur; er ist ein Sünder und „unrein“, weil er sich mit den heidnischen römischen Besatzern eingelassen hat. Die bezahlen ihn sogar noch dafür, dass er die Gebühren eintreibt, mit denen sie ihre Kolonie Palästina ausbeuten. So einer ist schlimmer als die anderen „Opfer“.
Die also will Jesus berufen: die Sünderinnen und Zöllner und alle Ausgegrenzten. Die ruft er zu sich, in das angefangene GottesReich und endlich in den Himmel. Und ich bin sicher: da werden sie sich gut aufgehoben wissen und aktiv werden für eine bessere Welt, sie werden nachhaltige Liebe und Barmherzigkeit leben und erfahren – zusammen natürlich mit den Gerechten, die sicher auch weiter dabei sein werden – wenn sie sich denn rufen lassen…
altfried g. rempe













