Geschichten über das Jesus-Kind erzählen von allerlei Wundertaten; immer mit der Absicht, die Göttlichkeit des göttlichen Kindes zu beweisen. Sie sollten die lange nachrichtenlose Zeit überbrücken, die das Kirchenjahr in wenigen Tagen feiert – von der Heimkehr aus Ägypten bis zur Taufe im Jordan; historisch müssen es gut dreißig Jahre gewesen sein – und da schien die Geschichte von der Pilgerreise des zwölfjährigen Jesus nach Jerusalem ein bisschen wenig. Das Volk brauchte Geschichten – solche etwa:
Der fünfjährige Knabe Jesus spielt nach einem Regen an einem Bach. Da sammelt er das vorüberlaufende Wasser in Gräben und macht es alsbald rein und tauglich, „und mit dem bloßen Worte gebot er ihm“. Und er macht einen feuchten Lehm-Brei und bildet daraus zwölf Sperlinge. Jesus klatscht in die Hände, ruft den Sperlingen zu und spricht zu ihnen: „Fliegt fort!“ Und die Vögel fliegen schreiend auf und davon.
Gut, dass der Bibel-Kanon ohne sowas auskommt – die anerkannten Evangelien wissen ja, dass da ein besonderer Mensch geboren ist und als Kind und junger Mann im fernen Nazaret lebt und heranwächst. Selbst die Erzählung des Lukas-Evangeliums, wo der Zwölfjährige nach der Wallfahrt einfach in Jerusalem und im Tempel bleibt, statt mit den Eltern nach Hause zu wandern: Ist kein Gegenbeweis.
Wie Jesus da in der Tempel-Schule mit den Schriftgelehrten diskutiert – und wie er argumentiert und was er alles weiß und wie er die Bibel und die anderen Schriften kennt: das löst Verwunderung aus und Erstaunen. Aber Jesus ist eben in einer guten Lern-Umgebung aufgewachsen; Josef war ein frommer Mann, jedenfalls besser gebildet als ein gewöhnlicher Zimmermann und Baumeister. Und der Junge hatte auch bei Mutter Maria viel gelernt über Gott und Gottes Geschichte mit seinem Volk und über dessen Erzählungen. Und kann jetzt ganz naiv und normal eben mit anderen Erwachsenen über solche Themen und Fragen palavern – der Tempel ist ja genau so viel Schule wie Gottesdienst-Raum. Aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Sonntag.
Jedenfalls gilt: Jesus lernt seinen Glauben. Die Szene des Evangeliums heute spielt ja knapp zwanzig Jahre später als die im Tempel – und zwar in der Wüste tief unten im Jordan-Tal. Da predigt der Prophet Johannes und tauft. Zusammen mit vielen anderen lässt sich auch Jesus taufen – auch wenn der Täufer das erst ablehnt.
Aber dann – und da lohnt es sich, genau hinzuhören: Während Jesus (nach der Taufe) betet, öffnet sich der Himmel und der Heilige Geist kommt sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab und eine Stimme aus dem Himmel sagt: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden. Das liest sich so locker weg – seltsam nur: außer Jesus hat offenbar niemand etwas Außergewöhnliches bemerkt; sonst hätten die Leute doch irgendwie reagiert; sonst hätte der Täufer-Prophet sich vor ihm auf die Knie geworfen.
Keine Spur. Eigentlich erfährt in dieser Szene vor allem oder sogar ausschließlich Jesus etwas über sich selbst. Er hört Gottes Stimme, die ihm sozusagen eine neue Lern-Aufgabe mitgibt. Oder hat er schon gewusst, was das für ihn bedeuten würde: Du bist Gottes geliebter Sohn… Was ja eine großartige Zusage ist – aber für einen jungen Mann, der die jüdische Bibel und vor allem die Propheten kennt, ist das auch eine ziemliche Herausforderung. Die Gottesknechte oder -söhne, von denen die Propheten sprechen, sind selten gut angekommen beim Volk und bei den Mächtigen mit ihrer Forderung von Umkehr und Neuanfang. Will einer mit dreißig Jahren sich auf so eine schwierige Spur begeben? Er wird es lernen müssen – und er hat es gelernt.
Der nächste Schritt in der Jesus-Erzählung des Mattäus zeigt etwas davon. Jesus fastet, vierzig Tage lang, allein in der Wüste; es klingt ein wenig, als habe er sich von dem Schock bei der Taufe erholen und neu sammeln müssen. Und das hat er geschafft, wird jedenfalls der Teufel feststellen. Der spielt ihm ja verschiedene Phantasie-Welten vor – „musst nur den Teufel verehren, dann kannst du fliegen und die ganze Welt beherrschen…“ Jesus greift wieder zurück in sein Bibelwissen; schon damit kann er die Versuchung abwehren. Er weiß inzwischen besser, wer er ist – Gottes geliebter Sohn ist er, auch ohne Steine zu Brot zu machen und es sich selbst zu beweisen. Das hat er bei seiner Taufe gehört und gelernt – und begreift allmählich die tiefe Bedeutung dieses Lern-Schrittes. Aber auch das ist eine andere Geschichte…
So wie in manchen Jesus-Erzählungen vom Glauben-Lernen geht es auch heute. Das Leben und den Glauben lernen: Das fängt in der Familie an oder in einer doch familiären Umgebung; da wird geredet und ausprobiert, da lernen jüngere Menschen von älteren für’s Leben und hoffentlich auch für’s eigene Glauben-Können. Lernen, sich selbst und die eigenen Meinungen in Frage stellen zu lassen – und sogar die angeblichen Sicherheiten. Glauben lernen auch die Mädchen und Jungen, die sich in diesen Tagen auf das Abenteuer „Sternsingen“ einlassen – anstrengend kann es sein, kalt und vielleicht auch dunkel – aber es bringt Freude in die Häuser und Hilfe für Kinder in der ganzen Welt. Das ist christlicher Glaube; den können sie aus Erfahrung lernen. (Und manche können das dann schon von ihnen neu lernen…) Und dieses Lernen geht lebenslänglich weiter und eröffnet manche erstaunliche Ansicht und Einsicht neu.
Dass sich der Himmel öffnet und der Geist wie eine Taube auf uns herabkommt: darauf werden die meisten von uns verzichten müssen. Aber das dürfen alle Christenmenschen (und eigentlich alle Menschen) wissen: Sie sind Gottes geliebte Töchter und Söhne – und grundsätzlich gefallen sie diesem Gott!
altfried g. rempe













