Liebe Leserin, lieber Leser,
Das klingt fast schon romantisch: Ich möchte Jesus nachfolgen, also schultere ich das, was mir im Leben auferlegt ist, nehme mein Schicksal am besten noch dankbar an, und lebe nach Jesu Vorbild.
Ich finde, das ist leichter gesagt als getan – vor allem, wenn man die unterschiedlichen Kreuze betrachtet, die die einzelnen Menschen zu tragen haben. Ja klar, jede und jeder hat irgendwo sein Päckchen – mal offensichtlicher, mal versteckter. Und ja, es ist auch leichter, mit einem Schicksal zu leben, wenn man es annimmt, als wenn man mit ihm hadert.
Und nochmal ja, es gibt diese rührende Geschichte eines Menschen, der Gott bittet, sich ein anderes Kreuz auszusuchen und er in der Kammer der Kreuze die verschiedensten ausprobiert. Er entdeckt, dass das scheinbar kleine Kreuz unglaublich schwer ist, ein anderes spitze Dornen hat oder ein weiteres so gar nicht auf seine Schulter passt, bis er auf ein passendes stößt, das sich als das eigene herausstellt.
Aber wenn ich mich in der Welt so umsehe, welche Kreuze es zu schultern gibt, dann erschauere ich: die Sturzflut in Nepal, das Erdbeben in Kolumbien, die Kriege in der Ukraine und im Iran, der Klimawandel und seine Folgen, die politischen Lagen, Verfolgungen, Fluchterfahrungen, Unfälle …. – hat da wirklich noch jemand Lust, dieses zu schultern und frohen Mutes diesem Jesus nachzufolgen?
Ganz ehrlich, wenn ich von mir ausgehe, bricht mir schon fast der Rücken bei der Vorstellung, auch nur entfernt eines dieser Kreuze mittragen zu müssen.
Und genau das unterscheidet mich von Jesus. Er dagegen sagt uns zu, jedes Kreuz mitzutragen. Weil er weiß, wie es ist, Unvorstellbares aushalten zu müssen. Vielleicht hilft dieser Gedanke dem ein oder anderen, wenn er oder sie in ein paar Jahren auf ihr Leben zurückschaut und entdeckt, dass er oder sie nicht zerbrochen ist. Aber für jetzt, in der sogenannten Akutphase, so nennen wir das zum Beispiel in der Notfallseelsorge, hilft den wenigsten der Gedanke an Jesus. Da helfen tatsächlich nur solidarisches Mit-Aushalten, Unterstützungsangebote jeglicher Art, ein sich Zusammentun in der Trauer und die Hoffnung, alles irgendwie zu überleben.
Ich wünsche allen Menschen, die kleine und große, vermeintlich leichte und unglaublich schwere Kreuze zu tragen haben, dass sie irgendwann spüren können, dass sie nicht allein sind. Dass sie es schaffen, einen für sie lebbaren Umgang mit ihrem Schicksal zu finden, für sich entdecken, dass ihr Leben trotz allem Schweren noch lebenswert ist und sie liebevoll mit sich selbst und anderen umgehen können. Und das, so glaube ich fest, ist auch Nachfolge!
Herzlich, Ihre Daniela Standard |