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Herzlich willkommen auf den Seiten der Pfarrei Heilige Edith Stein

Impuls zum 30. November / Ersten Advent

Christus und Abt Menas - koptische Ikone aus dem achten Jahrhundert nChr – eine der ältesten Ikonen überhaupt
Wachsam - und: auf Augenhöhe!

Wer über 60 Jahre alt ist, hat biologisch betrachtet den größten Teil ihres / seines Lebens hinter sich; aber nur die Hälfte von ihnen in Deutschland haben für den Fall ihres Todes ein Testament angelegt – beim Notar, bei Gericht oder auch nur handschriftlich zu Hause an einem sicheren Ort verwahrt. Die andere Hälfte – so scheint es – überlässt es den Erbinnen und Erben, mit allem umzugehen, was sie hinterlassen werden. Ein bisschen ist das wie „nach mir die Sintflut“. Oder vielleicht noch weniger: „Sintflut? Bei uns doch nicht!“

So jedenfalls beschreibt Jesus das für die Zeiten des Noach: Lass den lieben Gott einen guten Mann sein; essen, trinken, Hochzeiten feiern – alles läuft doch prima und immer weiter so. Wer aber mit offenen Augen lebt, sieht doch, dass kaum jemand unsterblich ist – oder eigentlich niemand. „Die Einschläge kommen näher“ klingt scherzhaft – ist aber in Wirklichkeit auch eine Fluchtvor dem, was Jesus ganz offen so beschreibt: Einer von zwei Männern auf dem Acker wird abgeholt – und jede zweite Frau von der Mühle oder aus der Küche. Und trotzdem: So richtig nah soll mir der Tod lieber nicht kommen?

Kein Ausweg: das Ende kommt sicher

Aber davon redet Jesus hier, in der großen so genannten Endzeit-Rede im Mattäus-Evangelium: Das große Gericht bricht plötzlich herein über die Welt, ganz unerwartet. Und Jesus will, dass wir wachsam sein sollen, aufmerksam bleiben, die Zeichen erkennen. Und dass sich das zu üben lohnt. Kein Wort übrigens davon, dass jemand entkommen könnte. Keine Abwehr-Maßnahmen. Auch wenn der Hausherr schlaflos bleiben und einen etwaigen Dieb in die Flucht schlagen könnte: Das Ende der Welt und die Ankunft des Gottes-Reiches ist unausweichlich sicher. Diese Ausweglosigkeit ist leider in ein paar hundert Jahren Kirchengeschichte zu moralischen Zwecken verfremdet und missbraucht worden: Als hätte Jesus dazu ermahnt, sich immer gut moralisch christlich zu verhalten – damit du nicht im Bösen steckst oder auf frischer Tat ertappt wirst, wenn der Menschensohn plötzlich kommt wie ein Dieb in der Nacht.

Ja doch – Jesus lädt in der Gerichtsrede auch dazu ein, gut zu leben und für andere Menschen da zu sein. Er überrascht die Leute sogar, wenn er den Richter sagen lässt: Ich bin der Hungrige, mit dem du dein Brot geteilt hast; meinen Durst hast du gelöscht, meine Blöße bekleidet, mich im Krankenlager versorgt und im Gefängnis besucht. Jesus lädt ein, das auch weiter zu tun. Aber einfach deshalb, weil es gut ist, gut zu sein und sich einzusetzen für das Leben und gegen Not und Elend. Ganz uneigennützig. Jesus sind die guten Taten und die besseren Haltungen wichtig, die einfach nur richtig und menschlich sind; alltäglich und irgendwie selbstverständlich.

Bereit sein zur Begegnung

Bleibt aber die Frage: Warum nur ermahnt Jesus so beharrlich und dringt so darauf, dass wir wachsam sein sollen, empfänglich sozusagen – Tag und Nacht, egal ob noch sehr jung oder schon recht alt? Ich glaube, er will uns aufrecht begegnen, uns auf Augenhöhe entgegenkommen, wenn er als der Menschensohn kommt. Statt uns zu überfallen, zu überraschen, zu überrollen will er die Menschen liebevoll anschauen und sie auf dem Weg ins neue Leben begleiten. Und das wird leichter sein, wenn sie vorbereitet sind, gut aufgestellt, weil sie mit ihm und seiner liebevollen Ankunft beinah schon gerechnet haben.

Und das soll für jede Einzelne und jeden Einzelnen gelten. Auch wenn das Ende der Welt jetzt schon fast 2000 Jahre auf sich warten lässt: Jesus spricht einerseits davon – aber auch vom Ende jedes einzelnen irdischen Lebens. Jesus verspricht, dass (und wie) jeder Mensch im eigenen Tod dem Menschensohn begegnen wird: Auf Augenhöhe, aufrecht hoffentlich und jedenfalls liebevoll. Das ist das Angebot – oder eigentlich: die Verheißung. Und der Aufruf zur Wachsamkeit ist eher eine Einladung: Kopf hoch, Augen auf, keine Angst, du darfst stark sein, denn du bist geliebt von einer Liebe, vor der alles andere vergeht.

Wer sich so geliebt und getragen weiß, wer also auf so eine Begegnung hofft, wird vielleicht den Tod leichter an sich heranlassen und schon frühzeitig mal darüber nachdenken; und sich und die Seinen / die Ihren wenigstens so darauf vorbereiten, dass irdische Sachen wie Erbe und Testament geregelt sind. Wäre ja auch eine Form von Wachsamkeit und Advent; und dazu hat Jesus doch so dringlich eingeladen.

altfried g. rempe